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Rede

Selbstbestimmung auch für inter und trans Jugendliche

Redebeitrag im Nationalrat zur Änderung des Geschlechts im Personenregister am 07.12.2020.

Vielleicht haben Sie es verfolgt: US-Schauspieler Elliot Page hat sich als trans geoutet. Die Zeitungen weltweit waren voll davon, die Kommentarspalten auch. Der Schauspieler schrieb in seinem Post, in dem er sich outete: «Ich bin glücklich, an diesem Punkt in meinem Leben zu sein. Aber ich habe Angst.» Das ist das Gefühl, das trans Menschen vor jedem Comingout verspüren. Glücklich, endlich zu sein und zu zeigen, wer sie wirklich sind; Angst davor, wie sich die Gesellschaft, ihr Umfeld, sich ihnen gegenüber verhalten werden, wenn sie sich outen.

Wir haben heute die Möglichkeit, einem Teil dieser Menschen diese Angst zunehmen. Wir können Ihnen ermöglichen, sich zu outen, wenn sie es möchten. Das geht aber nicht, wenn wir ihnen irgendwelche willkürliche Altersgrenze in dieses Gesetz schreiben; eine Altersgrenze ohne jeden Bezug zur Lebensrealität der Menschen. Wenn Jugendliche erst ab 16 Jahren selbstbestimmt die Möglichkeit erhalten, ihren Personenstand zu ändern, wie das der Ständerat will, dann ist es schlicht und einfach zu spät.

Wieso? Gehen wir wieder zur trans Frau Anna, die amtlich noch Paul heisst, die ich Ihnen als Beispiel in unserer ersten Debatte gebracht habe. Anna ist 14-jährig, beginnt bald einen neuen Lebensabschnitt, wenn sie aus der Schule kommt. Sie sollte spätestens jetzt eine Schnupperlehre machen und eine Lehrstelle suchen. Nur wenn Anna die Möglichkeit hat, ihren Namens- und Geschlechtseintrag ändern zu lassen, dann hat sie die gleichen Chancen auf eine Lehrstelle wie ihre Kolleginnen. Dann muss sie bei der Bewerbung keine Angst haben, diskriminiert zu werden, weil sie trans ist. Sie muss keine Angst haben, von den neuen Kolleginnen und Kollegen nach ihren Genitalien gefragt oder gemobbt zu werden, sondern sie kann schlicht und einfach in eine neue Umgebung kommen, wo sie selber wählen kann, ob, wem und wann sie sagt, dass sie trans ist. Vielleicht beginnt für Anna ein Lebensabschnitt ohne Angst.

Anna hätte kein Problem mit Absatz 4, den wir gerne gestrichen hätten und somit der Mehrheit der Kommission gefolgt wären, wenn ihre Eltern sie unterstützen würden. Aber sie hat dieses Glück nicht. Die Eltern sind geschieden, sie wohnt bei der Mutter. Diese hat nach einiger Zeit verstanden, dass sich ihre Tochter das nicht ausgesucht hat, dass es keine Phase ist, dass es übrigens auch kein Missbrauch ist, und dass sie richtig aufblüht, seit sie als Mädchen lebt. Anna ist heute nicht mehr der traurige Paul von früher, sie bringt bessere Schulnoten nach Hause und hat Freundinnen. Doch ihr Vater, bei dem sie jede zweite Woche verbringt, setzt sie massiv unter Druck, weiter als Paul zu leben. Er droht ihr, sie dürfe nicht mehr zu ihm kommen, wenn sie Mädchenkleider trüge, und er verwöhnt sie mit Geschenken, wenn sie Bubenkleider anhat.

Wenn wir heute entscheiden, dass Anna die Zustimmung der Eltern braucht, dann entscheiden wir, dass sie noch mehr Jahre Diskriminierung, Mobbing, Beschimpfung usw. ertragen soll. Aber selbstverständlich ermöglichen wir damit nicht, dass Minderjährige aus Spass den Eintrag ändern, denn selbstverständlich können das nur – ich betone: nur – die Jugendlichen machen, die urteilsfähig sind und deren Geschlechtsidentität nicht mit dem Register übereinstimmt. Das sind hohe, aber ausreichende Hürden.

Nun kann man sagen, dass es wenige Fälle wie den von Anna gibt, dass die Realität die ist, dass wenige junge Menschen diesen Schritt tun. Dazu drei Punkte:

  1. Die Realität zeigt vor allem, dass die Suizidrate von trans Jugendlichen 40mal so hoch ist wie die von cis Jugendlichen – 40mal! Wenn diese Gesetzesänderung auch nur eine Person vom Suizid abhält, dann sollten wir sie machen. Fälle von Missbräuchen kenne ich keine, Suizidüberlebende kenne ich einige.
  2. Aktuell sind es nicht viele Fälle, weil die meisten noch viel zu viel Angst haben, sich zu outen. Zum Glück haben aber immer mehr den Mut, diesen Schritt zu machen, sich selbst zu sein und so zu leben. Herzlichen Dank an dieser Stelle an Elliot Page!
  3. Die Änderungen, die wir hier diskutieren, sind Menschenrechte. Menschenrechte hat man ungeachtet des Alters und ungeachtet davon, wie viele andere der gleichen Minderheit angehören.

Ich bitte Sie im Namen der SP-Fraktion, folgen Sie nochmals Ihrer Kommission für Rechtsfragen. Nehmen wir Menschen ein bisschen Angst, schränken wir ihre Menschenrechte nicht einfach ein, und ermöglichen wir ihnen ein selbstbestimmtes Leben.

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